Erfahrungen mit Online-Gruppen aus Mitgliedersicht - ein Bericht aus der Selbsthilfegruppe für Schüchterne

"Hallo, mein Name ist M. und ich habe vor sechs Wochen zum ersten Mal an einer Videokonferenz der Braunschweiger Selbsthilfegruppe für Schüchterne, Soziophobiker und Sozialisolierte teilgenommen und wollte Euch von meinen Erfahrungen berichten.

Ich absolviere gerade eine Reha-Umschulung zum Verwaltungsfachangestellten und wurde wie alle meine Mitschüler/innen damals für die Zeit vom 16.03.2020 bis zum 06.05.2020 vom Unterricht freigestellt bzw. die Schule und das Internat wurden wegen Corona geschlossen.

Wieder an meinem Wohnort in Braunschweig angekommen, war es für mich zunächst sehr schwer, die ganzen sozialen Einschränkungen in meinen Shutdown-Alltag zu integrieren. Früher in meinem Leben war ich quasi eine relative soziale Selbstisolation gewöhnt, während der medizinischen und zuletzt auch in der beruflichen Reha habe ich aber wieder mehr soziale Kontakte gehabt. Doch nun fehlten mir auf einen Schlag nicht nur meine lieb gewonnenen Mitschüler/innen und die psychosoziale Begleitung durch das Personal innerhalb meiner Umschulung, sondern auch hier in Braunschweig das hilfreiche Netzwerk, das ich in der Vergangenheit genutzt habe: die täglichen Andachten im Dom und der monatliche Bibelgesprächskreis, dann die alle zwei Wochen stattfindenden Treffen einer kleinen politischen Lesegruppe und vor allem die jede Woche stattfindende Selbsthilfegruppe (SHG), die ich seit einem Aufenthalt in einer Tagesklinik bis zum Beginn meiner Umschulung ca. vier Jahre regelmäßig besucht hatte. Alles erstmal dicht! Puhh!

Gerade auf ein Wiedersehen mit den Menschen in der Selbsthilfegruppe hatte ich mich wirklich sehr gefreut, den ich wollte ihnen erzählen wie es mir in der Umschulung und dem Internat bisher ergangen ist und ebenso erfahren, was sie selbst in der zurückliegenden Zeit erlebt hatten.

Daher habe ich mich sehr gefreut, als ich erfuhr, dass eine unserer Teilnehmerinnen alles eingerichtet hatte, um uns eine Videokonferenz via Internet zu ermöglichen. Ich fand das echt toll und hatte sowas noch nie gemacht. Bin aber ganz und gar kein "digital native", sondern wohl eher ein "digital Hinterwäldler". Stehe auch mehr auf Bücher und Zeitungen als auf eBooks und Computerspiele, von SocialMedia ganz zu schweigen. Doch die Gelegenheit, meine SHG-Homies wiederzusehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Und es wurde mir ja sogar auch richtig leicht gemacht. Einfach nur den Link anklicken und ... ähm ...

... ich hab ja gar keine Webcam am PC! Und braucht man dann nicht auch ein Mikrofon oder sowas? Habe ja kein Laptop, sondern so einen Tower-PC. Hat mir mein Mitbewohner zur Verfügung gestellt, weil mein alter PC überhaupt keinen Ton hatte (war wohl irgendwas kaputt, am Treiber lag es jedenfalls nicht, sagte mein Mitbewohner). Als ich ihn nun fragte, ob er mir behilflich sein könnte, kam er mir gottseidank gleich drei Schritte entgegen, indem er mir sein Headset für diesen Abend zur Verfügung stellte. Aber auch dann musste noch einiges neu eingerichtet werden - einfach reinstecken und los? Nö! Stattdessen Geräte-Manager oder Systemsteuerung oder wasweißich ... Technik ist einfach nicht mein Ding.

Irgendwann klappte es mit dem Headset, doch schon diese Sache hat mich sehr angestrengt, obwohl mein Mitbewohner die ganze Arbeit übernommen und schliesslich alles eingerichtet hat. Dann war es endlich soweit: Vier Monitore, vier Teilnehmer. Aber nur drei Gesichter, denn weil ich keine Webcam hatte, konnte ich auch nur akustisch teilnehmen. Oder nein, ich muss es anders sagen: Ich konnte alle anderen sehen und hören, aber alle anderen konnten mich nur hören, aber nicht sehen. So sehr ich mich freute sie zu sehen, so sehr fand ich es seltsam, dass sie mich nicht sehen konnten, und zwar weil mir etwas fehlte, nämlich diese Webcam. Mich hat das schon in Verlegenheit gebracht, doch da es die anderen viel weniger zu stören schien als ich dachte dass es sie stören würde, und sie auch weniger zu stören schien als es mich selbst störte, konnte ich diese Verlegenheit loslassen und dann endlich "einfach teilnehmen".

Es war ungewohnt für mich. Ich will nicht sagen unangenehm, aber ich merkte dass es mir leichter fällt, die anderen Personen wahrzunehmen, wie ich es früher gewohnt war: in unserem Gruppenraum in der Brunsviga, einem Braunschweiger Kulturzentrum. Selber Ort, selber Raum, prima. Aber jetzt in dieser Videokonferenz war es, vor allem mit der Zeit, für mich sehr anstrengend, die Konzentration und Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Vielleicht hatte es auch mit der "Bildschirmarbeit" zu tun und dass ich nur drei Köpfe oder Oberkörper in drei kleinen Kästchen sehen konnte, statt wie sonst den "ganzen Menschen". Nach einer Stunde habe ich mich dann von der Gruppe vorzeitig verabschiedet, weil ich echt erschöpft war. Ich hatte den Eindruck, dass wir uns vorher sehr angeregt ausgetauscht hatten und ebenso, dass diese Kommunikationsform der Videokonferenz für mich sehr anstrengend ist. Oder bin ich einfach nur ungeübt? Oder ist das auch so'ne Gehirnsache? Wie dem auch sei, ich habe mich wirklich sehr über unsere "IT-Admistratorin" gefreut, dass sie die Kompetenz und die Hingabe hatte, uns dieses Treffen zu ermöglichen, wie auch über meinen Mitbewohner, der mir in den eigenen vier Wänden mit den technischen Voraussetzungen geholfen hat. Und ich habe mich dolle gefreut, zwei alte Bekannte wiedergesehen und auch ein neues Gesicht an diesem Abend kennengelernt zu haben.

Seitdem habe ich davon abgesehen, ein weiteres Mal an der Videokonferenz unserer Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Aber ich freue mich sehr darauf, sie sozusagen im Vollformat wiederzusehen, wenn im Brunsviga Kulturzentrum wieder Gruppenveranstaltungen stattfinden können.

So. Und jetzt merke ich, dass auch das Schreiben eines so langen Textes mir sehr viel Konzentration abverlangt und ich jetzt echt ne Pause brauche. Zeit, mich für heute zu verabschieden.

Ich wünsche Euch allen gutes Gelingen mit Euren Anliegen, besonders in den Selbsthilfegruppen und auch in den Videokonferenzen!

Sollte ich alsbald wieder in mein Internat im Weserbergland zur Fortsetzung der Umschulung geladen werden, so dass es mir nicht beschieden wäre, die Braunschweiger Selbsthilfegruppe für Schüchterne, Soziophobiker und Sozialisolierte im "Vollformat" erleben zu können, möchte ich sie hiermit ganz doll grüßen!

Herzlichst, M."

Vielen Dank an die Selbsthilfegruppe, dass sie uns diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat.

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