Fortsetzungsgeschichte "Paulchen macht Sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" von Norbert Wiedemann

(Bild von Susanne Jutzeler, suju-foto, auf pixabay.com)

Die KIBiS freut sich, an dieser Stelle die Fortsetzungsgeschichte "Paulchen macht sich sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" präsentieren zu dürfen. Norbert Wiedemann versucht darin, psychische Erkrankungen so zu thematisieren, dass sie auch für Kinder verständlich werden.

Als er diese Geschichte vor gut anderthalb Jahrzehnten schrieb, war diese Herangehensweise an das Thema noch weitgehend Neuland. Doch mag die amüsante Geschichte auch in dieser Zeit unter Corona-Bedingungen für die Leser*innen reizvoll sein - für die "alten Hasen", die die Geschichte schon kennen, ist sie mit Erinnerungen und Anekdoten verbunden, und für die "jungen Hüpfer" ist sie neu und amüsant. Oder wie es uns Herr Wiedemann schreibt: "Es gibt doch nichts Schöneres in diesen Zeiten, wenn mal für einen Augenblick die Mundwinkel hoch gehen."

Wie wünschen trotz des ernsten Themas viel Vergnügen mit Hans und Paulchen.

Paulchen macht Sorgen
Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird.

von Norbert Wiedemann

Morgens um halb vier auf dem Altstadtmarkt unter einer Dachrinne am "Haus zu den sieben Türme" schüttelten sich zwei gestandene richtig echte Braunschweiger Spatzen den Schlaf aus den Augen.

Heute am Markttag mussten sie schon etwas früher ihren jahrelangen Stammschlafplatz verlassen, um möglichst vor ihren Artgenossen die besten Bröckchen zu ergattern. Die beiden waren schon lange ein richtig gutes Team, wenn es um die Nahrungsbeschaffung ging.

Im Laufe der Zeit ist daraus auch eine dicke Freundschaft geworden. Nun fiel an diesem frühen Morgen dem zierlichen und fiffigeren Hans auf, dass sein Kumpel Paulchen nicht so recht mit seiner Morgentoilette klar kam. Er bummelte und bummelte, blickte etwas stumpfsinnig auf die ersten aufgebauten Marktstände und machte eigentlich keine Anstalten, sich zu beeilen.

Die Bummelei Paulchens war eigentlich für Hans nichts Ungewöhnliches, nur heute war es wirklich extrem!

"Nun mach hin, Paulchen, die ersten von der Kohlmarktbande sind schon da und belagern den Bäckerstand! Unser Frühstück wartet, wir müssen los!"

Der dicke Paulchen sah seinen Freund an, als ob er vom anderen Stern käme. "Was schreist du mich so an, die blöden Brötchenkrümel kannst du dir in den Bürzel schieben. Ich mag den trockenen Mist schon lange nicht mehr! Ich brumme jetzt in den Bürgerpark, da gibt es bessere Happen für mich", zischte er Hans in einem nie erlebten Ton an, stürzte sich in die Luft und ehe sich Hans versah war er über dem Gewandhaus in Richtung Bürgerpark verschwunden.

Hans war wie vom Donner gerührt. "Was ist denn bloß mit dem Paulchen los? So kenne ich ihn ja gar nicht. Na, der kriegt sich schon wieder ein. Ich habe erst mal Hunger und schaue nach, was die Kohlmarktbande noch übriggelassen hat."

Der Markttag verging und die ersten Stände wurden wieder abgebaut. Hans saß auf dem Brunnenrand und fand, dass der Tag für seinen Magen doch eigentlich ganz ergiebig war. Trotz der Verspätung durch Paulchen hatten die anderen Spatzen ihm noch genügend übrig gelassen. Ja, Paulchen! Was war nur mit ihm geschehen? Was machte er jetzt, wie ging es ihm? All diese Fragen schossen Hans wie Blitze durch den Kopf und ihn beschlich ein äußerst ungutes Gefühl.

Voller Sorge machte er sich auf den Weg zum Bürgerpark. "Vielleicht ist er ja am Teich hinter der VW-Halle, dort wo immer die kleinen Kinder die verfressenen Enten füttern.

Da haben wir schon manchen Brocken erwischt", redete er sich ein, als er den Bruchtorwall überflog.

Am Teich war Paulchen nicht. Enten waren jede Menge da, Eltern mit ihren Kindern, Unmengen von Brotstückchen, nur der dicke Paulchen war weit und breit nicht zu sehen.

Als Hans traurig dem Treiben am Teich zusah und überlegte, wo er noch seinen Freund suchte könnte, ließ sich der Anführer der Spatzenbande vom Kohlmarkt mit einem Mal neben ihm nieder und raunte ihm mit einer gehässigen Miene zu: "Na Hans, suchste deinen dicken Freund Paulchen? Der ist jetzt völlig übergeschnappt! Der kramt im Blumenbeet beim Lessingdenkmal nach Würmern und Käfern, stolziert zwischendurch mit wippendem Schwanz im Unterholz rum und erzählt jedem, er sei ein Rotkehlchen! Der hat sie doch nicht alle. Was ist denn mit dem los, hat der schimmeliges Brot gefressen, oder was?"

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