11. Teil von "Paulchen macht Sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" von Norbert Wiedemann

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Im 10. und (beinahe) letzten Teil der Fortsetzungsgeschichte "Paulchen macht Sorgen" erlebten unsere drei Spatzenfreunde eine rauschende Silvesternacht, und Paulchen flachste sogar über sein Alter Ego, das Rotkehlchen, herum. Heute dürfen wir uns auf eine Zugabe freuen, auf den 11. und wirklich allerletzten Teil der Geschichte von Paulchen und seinen Freunden.

In seiner Fortsetzungsgeschichte "Paulchen macht Sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" versucht Norbert Wiedemann, psychische Erkrankungen so zu thematisieren, dass sie auch für Kinder verständlich werden.

Teil 10 der Fortsetzungsgeschichte finden Sie hier.

Paulchen macht Sorgen
Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird.

11. Teil

von Norbert Wiedemann

Jule, Hans und Paulchen machen einen Ausflug

Unsere zwei kleinen Braunschweiger Spatzenfreunde Jule und Hans mussten nach den vorweihnachtlichen Erlebnissen mit ihrem dicken Freund Paulchen einen harten Winter durchleben.

Wenn da nicht so manches Futterhaus regelmäßig gefüllt worden wäre, hätte es um die Drei ziemlich schlecht ausgesehen. Der Wochenmarkt und die Schulbrote vom Pausenhof der Berufsschule am Inselwall taten ein Übriges zur Nahrungsergänzung.

Mit Paulchens Depressionen ging es die ganze Winterzeit wellenartig rauf und runter. Mal kam sein Rotkehlchentick mit einigen Ausrastern wieder durch, dann schien alles normal zu laufen und dazwischen verfiel er wieder ins Grübeln und machte sich Sorgen über alle möglichen und unmöglichen Dinge.

Für Jule und Hans war es oft sehr anstrengend Paulchen unter der Dachrinne vom Haus der Sieben Türme am Altstadtmarkt hervorzulocken und ihn auf andere Gedanken zu bringen. Sie hielten sich die ganze Zeit an den Rat der schlauen Eule Frau Meier aus dem Prinzenpark.

"Luftveränderung, Abwechslung und Bewegung" hatte sie damals unwillig verordnet, weil sie wenig Zeit hatte und eigentlich Mäusefangtermine war nehmen wollte.

Jetzt war es aber schon eine Weile her, dass der Winter seine eiskalten Beine in die Hand genommen hat. Die Weidenkätzchen waren schon längst auf und der Frühling bescherte den drei Freunden einen schönen Tag nach dem anderen.

Jule, Hans und Paulchen starteten eines Tages vom Friedrich-Wilhelm-Platz und wollten gemütlich die Oker aufwärts bis zum Südsee überfliegen. Am Wehr an der Eisenbütteler Straße angelangt saßen sie nun in Ufernähe in einem Busch und sahen dem rauschenden Wasser zu.

Paulchen knabberte lustlos an einer frischen Knospe herum und maulte vor sich hin: "Früher haben die jungen Blattknospen im Frühling besser geschmeckt und außerdem finde ich das doof, immer ins gluckernde Wasser zu glotzen."

Jule und Hans tauschten vielsagende Blicke aus. Fing das jetzt mit ihm schon wieder an? Der Tag hatte doch eigentlich so schön begonnen.

Jule hatte plötzlich eine Idee: "Los Männer, wisst ihr was? Wir fliegen noch ein Stück weiter die Oker rauf. Dann kommt irgendwann der Südsee und dahinter der Stöckheimer Zoo. Das habe ich neulich auf dem Schulhof gehört, als die Schüler sich darüber unterhielten." Ohne eine Antwort abzuwarten, flatterte Jule aus dem Gebüsch und machte sich auf den Weg.

"Oooch, ......... immer diese spontanen Einfälle ......... und dann noch spontan ausführen! Spontane Frauen sind manchmal ein Kreuz", stöhnte Paulchen.

"Halt den Schnabel", rief Hans und breitete schon seine Flügel aus, "komm mit, das wird bestimmt spannend im Zoo!"

Jule kam ihnen schon wieder entgegengeflattert und rief von weitem ungeduldig: "Ja wo bleibt ihr denn? Ich dachte schon, ihr seid wieder nach Hause geflogen!"

"Du weißt doch Jule, der dicke Paulchen ist doch nicht gerade der Schnellste", beschwichtigte Hans.

"Du sollst nicht immer "dicker Paulchen" zu mir sagen", nörgelte Paulchen eingeschnappt, "Spatzen können ja schließlich nicht alle gleich aussehen. Das wär ja blöd und langweilig und außerdem bin ich so auf die Welt gekommen! Basta!"

Jule wurde langsam unruhig. "Los nun kommt doch! Der Zoo ist noch ein Stück weg und ein bisschen wollen wir uns doch dort umsehen und nicht gleich wieder weg! "Ja ist ja gut", riefen Hans und Paulchen, "wir kommen doch schon!"

Sie überquerten die Eisenbütteler Straße und folgten der Oker, bewunderten die Bläßhühner mit ihren seltsamen Plattfüßen und die Vielzahl von Enten, die sich über die hingeworfenen Brotstückchen der Spaziergänger stritten und staunten dann über eine stattliche Menschenmenge am Spielmannsteich. Ein Bratwurst- und Getränkestand war aufgebaut, also sah es so aus, als ob dort richtig etwas los war.

"Halt, nicht so schnell", schnaufte der dicke Paulchen, "ich will mal wissen, was es da zu sehen gibt."

Jule und Hans folgten ihm im Sturzflug und im Nu saßen die Drei auf dem Dach der Bratwurstbude.

"Da seht mal, da schwimmen kleine Modellschiffe auf dem Wasser", rief Paulchen aufgeregt, "Sowas habe ich schon mal im Schaufenster von einem Modellbauladen gesehen!"

"Ja, nun ist gut", mahnte Jule, "wir wollen jetzt weiter zum Zoo!"

"Hetz doch nicht so", schrie Paulchen plötzlich, "du immer mit deinem: Nun komm hier hin und dort hin! Hast du schon mal daran gedacht, dass ich auch einen eigenen Willen habe? Es reicht ja wohl, dass ihr mich hier her geschleppt habt!".

Jule und Hans schauten sich verdattert an. Beide hatten einen Gedanken: "Jetzt geht es wieder los. Es fehlt nur noch die Behauptung von Paulchen, er wäre ein Rotkehlchen!"

Jule fasste sich ein Herz, holte tief Luft und schleuderte ihm entgegen: "So, mein lieber Freund, hast du mal mit einem klitzekleinen Fünkchen daran gedacht, dass wir uns deinetwegen Sorgen machen, dass wir manchmal nicht nur mit unserem Latein, sondern auch mit unseren Kräften am Ende sind? Und außerdem habe ich das Gefühl, du denkst oft nur von der Wand bis zur Tapete! Wir sind immer deine Freunde und halten zu dir, aber oft ist es schwer, mit dir auszukommen."

Paulchen saß, während das Julesche Donnerwetter auf ihn hereinprasselte mit großen Augen auf der Lichterkette des Bratwurststandes, schaute ziemlich erschrocken und hatte seinen Kopf fasst zwischen seinen Flügeln vergraben.

Hans, der die ganze Zeit zustimmend genickt hatte, meldete sich jetzt auch zu Wort: "Jule hat schon Recht. Manche Nacht war ich wach, habe in unserer kleinen Höhle unter der Dachrinne über dich nachgedacht und überlegt, wie man dir noch helfen könnte."

Jule hatte sich inzwischen wieder beruhigt und schaltete sich in die Rede ein: "So, Paulchen, jetzt weißt du, wie es um uns steht, aber es reicht jetzt glaube ich. Es ist jetzt eh zu spät für den Zoo. Wir schauen uns jetzt noch die Modellschiffe an und machen uns dann auf den Heimflug. Einverstanden?"

Die Standpaukenwolken hatten sich verzogen und unsere drei kleinen Spatzen vergnügten sich auf der Modellschiffschau.

Paulchen machte Sturzflüge wie ein Jagdflieger auf das Modell der Fregatte "Braunschweig" und Jule und Hans saßen auf dem Modell eines Feuerlöschschiffs und ließen sich über den Teich fahren. Während das rote Schiff tatsächlich aus allen verfügbaren Rohren Löschwasser spuckte, unterhielten sich die beiden noch über ihren Freund.

"Na, dann hat dieser Tag doch noch einen guten Ausklang! Meinst du nicht auch Hans", schaute Jule ihren Cousin fragend an.

"Ich lass mich überraschen, wie lange deine Standpauke anhält," erwiderte Hans, "fällig war sie schon lange. Paulchen muss schließlich mal ab und zu erfahren, dass er nicht der Nabel der Welt ist und seine Freunde auch leiden ......... nur anders!"

Bild von Adina Voicu auf Pixabay

Danksagung

Die KIBiS möchte sich an dieser Stelle für die wunderbare Fortsetzungsgeschichte bedanken. Kreative Ideen zu haben und zu Papier zu bringen, wissen wir sehr zu würden. Wir hoffen, dass viel Leserinnen und Leser Freude daran haben. Ganz herzlichen Dank an Norbert Wiedemann.

Eine Kurzvorstellung über Herrn Wiedemann finden Sie hier.

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