6. Teil von "Paulchen macht Sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" von Norbert Wiedemann

Der abwechslungsreiche Weihnachtsmarkt hat Paulchen gut getan, doch plötzlich möchte er zurück auf den Lessingplatz - ausgerechnet an den Ort, wo der ganze Ärger mit ihm begann! Hat er etwa einen Rückfall?

In seiner Fortsetzungsgeschichte "Paulchen macht Sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" versucht Norbert Wiedemann, psychische Erkrankungen so zu thematisieren, dass sie auch für Kinder verständlich werden.

Teil 5 der Fortsetzungsgeschichte finden Sie hier.

Paulchen macht Sorgen
Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird.

6. Teil

von Norbert Wiedemann

Gibt es einen Rückfall? - 1. Teil

Unsere beiden Spatzen vom Altstadtmarkt haben nach Paulchens Aussetzer, als er glaubte, ein Rotkehlchen zu sein, viel erlebt. Die schlaue Eule Frau Meier hatte für Paulchen Abwechslung und Luftveränderung angeordnet.

Hans und seine Kusine Jule überredeten ihn zum Weihnachtsmarkt und zur Adventsfeier in einem Kleingärtnerverein zu fliegen. Für eine Weile hielt diese Abwechslung an. Er zehrte einige Tage davon, aber dann wurde es dem kleinen dicken Paulchen manchmal doch wieder unter der Dachrinne vom "Haus zu den sieben Türmen" langweilig.

Hans saß gerade oben auf seinem Dachrinnenrand und schaute dem weg fliegenden Paulchen etwas skeptisch hinterher. Er wollte unbedingt mal wieder zum Lessingplatz! "Ich muss mal hier raus", meinte Paulchen zu Hans. "Ich möchte nach der langen Zeit mal wieder dorthin, wo der ganze Ärger mit mir begann."

Hans schaute ihn verblüfft an und meinte nur zaghaft: "Na wenn du meinst. Aber fang ja nicht wieder an und behaupte ein Rotkehlchen zu sein! Damit hast du mir den Schreck meines Lebens versetzt. Ich weiß ja, dass du nichts dafür kannst und dass du auch wieder weißt, dass du Paulchen, der Spatz vom Altstadtmarkt bist und dass wir schon lange dicke Freunde sind."

Hans durchzuckte es nach seinen Worten. Eben hatte er das erste Mal mit Paulchen über dessen Erkrankung gesprochen! Die ganze Zeit wurde das Thema nämlich totgeschwiegen, weil keiner der beiden Freunde die Traute hatte, sich einmal ein Herz zu fassen. Immer mit dem Gedanken, der Eine könnte dem Anderen vielleicht etwas übel nehmen.

Aber jetzt war es raus und Hans war erleichtert. Irgendwie ist ihm eine zentnerschwere Last abgefallen. Nur dass Paulchen wieder zum Lessingplatz wollte, hatte ihn zunächst beunruhigt.

Aber nun sagte er sich: "Hans, lass Paule man machen. Da muss er selber durch. Wenn es irgendwie doch schief gehen sollte, hat er ja noch mich. Und Jule ist ja auch noch da."

Er bemerkte neben sich eine Bewegung. Jule hat sich neben ihn gesetzt und schaute ihn erwartungsvoll an.

"Na Hansemann, was guckste denn so nachdenklich? Hast du Verstopfung oder was?" Cousine Jule hatte manchmal wirklich einen seltsame Art Männer anzusprechen.

Hans versicherte seiner Kusine keine Verstopfung zu haben und erzählte ihr, wo Paulchen gerade ist und warum und dass er das erste Mal mit ihm über seine Rotkehlchenmacke gesprochen hätte.

"Na siehst du Hans. Jetzt geht es dir bestimmt besser. Ich habe doch die ganzen Tage gemerkt, dass dir etwas auf der Seele lag", meinte Jule verständnisvoll dazu. "Weißt du was Hans, wir bringen den ollen Paule mal wieder richtig auf Trapp.

Los, lass uns mal zum Lessingplatz fliegen. Wir sehen mal zu, ob wir ihn finden. Aber möglichst so, dass er uns nicht gleich sieht. Ich wollte sowieso mal wieder zum Ententeich. Jetzt wo bei der Kälte alles zugefroren ist, soll das immer ein riesiger Spaß sein auf dem Eis zu rutschen".

"Ja wenn du meinst, aber erst nur mal gucken", erwiderte Hans mit einem unsicheren Augenaufschlag. "Wenn du meinst, wenn du meinst", rief Jule und stieß sich von dem Dachrinnenrand ab, "gibt es eigentlich auch mal eine eigene Meinung von euch Männern?"

Hans flatterte über den Bankplatz und der Friedrich-Wilhelm-Straße hinter Jule her. Als sie die Wallstraße überflogen, ertönte von einem Fenstersims ein Pfiff. Jule drehte eine scharfe Schleife und setzte sich neben einen dort unverschämt grinsenden Spatzenmann.

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