7. Teil von "Paulchen macht Sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" von Norbert Wiedemann

Paulchen ist an einen bedeutungsschweren Ort zurückgekehrt und sucht das Gespräch mit der Rotkehlchen-Dame Frau Kehlschmidt. Jule und Hans machen sich Sorgen und fliegen hinterher.

In seiner Fortsetzungsgeschichte "Paulchen macht Sorgen. Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird" versucht Norbert Wiedemann, psychische Erkrankungen so zu thematisieren, dass sie auch für Kinder verständlich werden.

Teil 6 der Fortsetzungsgeschichte finden Sie hier.

Paulchen macht Sorgen
Wie eine Freundschaft auf die Probe gestellt wird.

7. Teil

von Norbert Wiedemann

Gibt es einen Rückfall? - 2. Teil

"Hör mal zu Blödmann, hast du nichts Besseres zu tun, als hier dusselig in der Gegend rum zu sitzen und hinter Frauen her zu pfeifen", schnauzte sie den Spatzenmann giftig an. Währenddessen hatte es Hans mit einer größeren Schleife geschafft und beobachtete das Schauspiel von einer Etage höher.

Der Spatzenmann schnappte nach Luft, pumpte sich auf und wollte sich gerade zu Wort melden. "Mach den Schnabel zu, Blödmann", fuhr ihn Jule an. "Dein Aufenthalt auf diesem Fensterbrett ist abgelaufen. Ich zähle bis Drei und dann machst du den Roten Baron, Sturzflug nach unten." Tatsächlich stürzte sich Spatzenmann Blödmann bei Drei vom Fensterrand in die Tiefe, stieg dann mit einigen Flügelschlägen wieder auf und landete auf dem Rand der ersten Etage des gegenüberliegenden Parkhauses.

Jule zwinkerte Hans zu und rief über die Wallstraße: "Und noch was Blödmann, pfeifst du noch einmal hinter mir her, pfeifst du danach aus dem letzten Loch!"

Kichernd flatterte das Spatzenpaar über die Leopoldstraße und landeten kurz darauf auf dem Kopf von Gotthold Ephraim Lessings Denkmal. Vor Vergnügen prusteten sie sich gegenseitig an und wären dabei beinahe von Lessings Haupt gerutscht. "Dem hast du es aber gegeben", lobte Hans seine Cousine, "und außerdem habe ich dich noch nie so erlebt!"

"Tja, du kennst mich eben noch immer nicht richtig", antwortete Jule überlegen. "Blödmann kenne ich schon lange. Der lässt das Pfeifen nicht, er wird dann immer von mir zusammengefaltet und dann reicht es wieder bis zum nächsten Mal. Ist schon beinahe ein Sport draus geworden."

"Aber lass uns doch nachsehen, ob wir Paulchen finden", meinte Jule.

Die beiden Spatzen flogen kreuz und quer über den Lessingplatz, aber es ließ sich kein Paulchen blicken. "Komm Jule, wir wollen mal am Ententeich beim Stadtbad gegenüber schauen, vielleicht treibt er sich dort herum", rief Hans und startete schon in die Richtung. Beide umrundeten im Tiefflug den Ententeich. Das Wasser war schon lange zugefroren; Kinder hatten sich etliche Rutschbahnen angelegt und tummelten sich mit fröhlichem Geschrei auf dem Eis.

In der Nähe der eisernen Bogenbrücke, die in die Richtung der VW Halle führt, fielen dem Spatzenpaar am Teichufer eine Ansammlung trübsinnig dreinblickende Enten auf. Als die beiden näher kamen, erkannten sie im Kreis der Enten Paulchen und eine Rotkehlchendame. Hans und Jule rückten näher heran, um herauszubekommen worum es bei diesem offenbar spannenden Gespräch geht. Den beiden Spatzen pochten die Herzen bis zum Hals.

Allzulange war der Ausbruch von Paulchens Rotkehlchentick noch nicht entfernt. Sie schlichen sich also an den Entenkreis heran und konnten so das Gespräch zwischen Paulchen und der Rotkehlchendame ziemlich gut verfolgen.

"...also Sie können mir wirklich glauben Frau Kehlschmidt, das war damals wirklich nicht einfach", hörten sie Paulchen erklären, "wie ich vorhin schon einmal sagte, in der Situation, in der ich vor einigen Wochen war, habe ich wirklich nicht mitbekommen, was da mit mir geschah. Ich war damals der festen Überzeugung, ein Rotkehlchen zu sein. Ich habe wie ein Rotkehlchen gefühlt, mein Appetit richtete sich mehr auf Würmer, Larven und kleine Krabbeltiere. Ich empfand sogar einen regelrechten Ekel vor Körnerfutter. Brötchenkrümel, die vorher meine Leibspeise waren, erzeugten bei mir ein Würgegefühl."

Weiter zum achten Teil

Zurück